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Digitale Annotation und wie sie mir geholfen hat, meine Gedanken beim Lesen zu ordnen

Digitale Annotation ist eine unschlagbare digitale Methode für die Geistes- und Kulturwissenschaften!

Ein Beitrag von Lina Henneke

Bisher habe ich mir keine großen Gedanken darüber gemacht, wie ich eigentlich lese. Wer das Lesen einmal gelernt hat, der tut es einfach, ohne dabei über den Prozess des Lesens selbst noch nachzudenken. Ich beginne am Anfang eines Textes und lese weiter bis zum Ende. Wenn mir zwischendurch etwas auffällt, das für die weitere Analyse interessant sein könnte, dann mache ich mir eine kleine Notiz am Rand oder unter­streiche die betreffende Passage. Für kürzere Texte funktioniert das meist problemlos. In umfangreicheren Werken geht jedoch leicht die ein oder andere Notiz verloren und lässt sich dann auf die Schnelle nicht mehr finden, wenn ich gerade ausgerechnet aus dieser Passage zitieren wollte. Bei der digitalen Annotation ist das anders.

Digitale Annotation mit CATMA

Die Methode der digitalen Annotation, hier mit CATMA umgesetzt, hat es notwendig gemacht, meine Gedanken vor dem Lesen zu ordnen und mir Kategorien für die jeweiligen Markierungen zu überlegen. Die Kategorien heißen hier Tags, mehrere Tags zusammen bilden ein sogenanntes Tagset. Bereits die Erstellung dieser Tags erfordert eine Auseinandersetzung mit dem Inhalt des Textes, der untersucht wird. Auch über die Fragestellung, die die Analyse leitet, bzw. die Aspekte des Textes, die im Zentrum des Interesses stehen, sollte bereits vor der digitalen Annotation nachgedacht werden.

Du kannst ein Buch mühsam mit Bleistift und Textmarker durchgehen, oder du nutzt einfach digitale Annotation. Dann kannst du dir anschließend die Zahlen für all deine Unterstreichungen ausrechnen und sogar als Grafiken anzeigen lassen. So übersichtlich waren Markierungen noch nie!

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Manuelle digitale Annotation

Natürlich kommt es auch auch vor, dass die zuvor erdachten Tags beim Lesen doch nicht mehr so ganz passen oder, dass plötzlich neue Kategorien auftauchen, die einem zuvor noch gar nicht in den Sinn kamen. In diesem Fall kann das Tagset jederzeit überarbeitet werden. Allerdings bedeutet das auch, dass man den Text noch einmal von Beginn an lesen sollte, um sicherzugehen, dass am Ende alle relevanten Stellen der neuen Kategorie annotiert worden sind. In meinem Beispielprojekt habe ich das Tagset tatsächlich mehrmals verändert und habe den Text jeweils wieder von Beginn an gelesen, um sicherzugehen, dass mir auch keine wichtige Stelle entgangen ist. Ein solcher Arbeitsprozess ist natürlich mühselig und kostet deutlich mehr Zeit als ein erstes Sichten des Primärtextes mit Hilfe von Bleistift und Textmarker. Allerdings lohnt sich die Arbeit, denn meine digitalen Annotationen sind deutlich strukturierter und weniger willkürlich als die analogen Anmerkungen, die ich bisher notiert habe. Dadurch, dass den einzelnen Kategorien unterschiedliche Farben zugewiesen werden, sind die Annotationen übersichtlicher. Nun konnte ich auf einen Blick sehen, welche Phänomene jeweils in welchem Zusammenhang auftauchen und konnte Textstellen leichter wiederfinden.

Andererseits hat mir während des Lesens manchmal die Freiheit gefehlt, etwas zunächst einfach nur hervorzuheben, ohne die betreffende Stelle gleich einer Kategorie zuzuordnen. In dem Versuch, jede interessante Textstelle direkt einzuordnen, hatte ich irgendwann so viele Tags und Untertags erstellt, dass mir schließlich die Übersicht fehlte. Nach einer Weile leuchtete ein großer Teil des Textes in diversen farbigen Markierungen. Zum Glück gibt es eine Suchfunktion in CATMA, die dabei hilft, einzelne Schlagworte oder Tags wiederzufinden.

Halbautomatische digitale Annotation

Über diese Suchfunktion lassen sich übrigens auch mehrere Textstellen, die das gleiche Schlagwort beinhalten, zugleich taggen. Diese so genannte halbautomatische Annotation spart Zeit und hilft dabei, den Überblick nicht zu verlieren. Mit Hilfe der Suchfunktion kann eine Keyword-in-Context-Tabelle erstellt werden, die den Kontext anzeigt, in dem die Schlagworte stehen. Falsche Annotationen, die aufgrund von Mehrdeutigkeit bei der halbautomatischen Annotation entstanden sind, können hier erkannt und entfernt werden. Darüber hinaus ist es hilfreich zu sehen, in welchem Zusammenhang bestimmte Worte im Text regelmäßig auftauchen, um dadurch Rückschlüsse für die weitere Interpretation ziehen zu können.

Kollaboratives Annotieren

Ein besonderes Merkmal, das die digitale Annotation von der analogen unterscheidet, ist die Möglichkeit, im Team zu arbeiten. Für Literaturwissenschaftler mag eine solche Zusammenarbeit zunächst ungewohnt sein. Gerade in größeren Projekten können Arbeitsschritte aufgeteilt werden. Gleichzeitig können unterschiedliche Kompetenzen und Sichtweisen mehrerer Leser berücksichtigt werden. Bei der digitalen Annotation in CATMA kann sichtbar gemacht werden, wer welche Annotation vorgenommen hat, sodass die Ergebnisse leicht verglichen werden können. Viele Augen sehen mehr als zwei; dieses Prinzip trifft auch bei der Textannotation zu. Ganz bestimmt sind dabei nicht immer alle einer Meinung. Die Diskussionen aber, die im Laufe der digitalen Annotation angestoßen werden, sind nicht nur spannend, sie treiben auch den Diskurs in der Forschung erheblich voran.

Die digitale Annotation ist besonders sinnvoll für Forschungsvorhaben, die sich an das Close-Reading-Prinzip halten wollen, sich also intensiv mit einem oder wenigen Texten befassen. Bei besonders großen Textkorpora empfiehlt sich eher eine Methode aus dem Bereich des Distant-Reading, wie z.B. die Named Entity Recognition, da der Zeitaufwand für die digitale Annotation sonst nicht zu bewältigen wäre. Insgesamt ist die Methode der digitalen Annotation eher in der Nähe der traditionellen, analog durchgeführten Literaturwissenschaft zu verorten, auch wenn der Computer als Hilfsmittel genutzt wird. Die menschliche Kontrolle darüber, was in die Analyse einfließt, ist deutlich größer als bei automatisierten Verfahren, wie dem Topic Modeling. Dadurch sind die Ergebnisse etwas leichter vorherzusehen.

Für mich war die digitale Annotation leicht zu erlernen und hat mir sehr geholfen, beim Lesen systematischer und gründlicher vorzugehen. Diese Gründlichkeit zu Beginn der Textarbeit zahlt sich definitiv bei der anschließenden Interpretation des Textes aus. Das Lesen und Annotieren war deutlich zielgerichteter, da ich mir bereits vor der Analyse klargemacht hatte, welche Fragestellung ich untersuchen wollte. So konnte ich anschließend leicht in die Analyse und Interpretation des Textes einsteigen. Da das Verfahren aber dennoch recht aufwendig ist, würde ich es vor allem bei Texten anwenden, mit denen ich mich ohnehin intensiv befassen möchte. Als vorbereitenden Arbeitsschritt kann ich mir gut vorstellen, die digitale Annotation z.B. im Rahmen einer Hausarbeit zu nutzen.

Diesen Artikel zitieren: Lina Henneke: „Digitale Annotation und wie sie mir geholfen hat, meine Gedanken beim Lesen zu ordnen“ In: DH-Challenge. Juli 24, 2019, http://dhchallenge.mareikeschumacher.de/digitale-annotation-und-wie-sie-mir-geholfen-hat-meine-gedanken-beim-lesen-zu-ordnen/

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